
Wertvolle Einsichten.. - Richard Sennet untersucht in diesem Buch den historischen Wandel von Beschäftigungsstrukturen mit besonderem Fokus auf die derzeitigen Tendenzen. Durch seine intensive Auseinandersetzung mit menschlichen Schicksalen der modernen Zeit, sowie der Analyse von Werken der letzten Jahrhunderte, eröffnet er interessante Sichtweisen auf das heutige Arbeits- und Wirtschaftsleben. Er interviewt Manager, Programmierer und Hilfsarbeiter in welchen er überzeugende Beispiele für seine Thesen gefunden hat. Gleichzeitig spannt er den Bogen von den Anfängen der Industrialisierung (Diderot, Smith) über Marx und Ford bis hin zu religiösen Strömungen (Luter), die unsere jetzige Arbeitsethik vorbereitet hätten. Immerzu gleicht er die vorherrschenden Überzeugungen von Befürwortern sowie Gegnern unterschiedlicher Systeme mit den Befindlichkeiten der Menschen ab, welche diese zu (er-)tragen hatten und haben. Unter diesem menschlichen Gesichtspunkt lässt er kein gutes Haar an jeglichem System, hinterlässt allerdings das Gefühl, dass sich nicht alles zum Negativen gewandt habe.Wären früher starke Abhängigkeit vom Dienstgeber, geringe Aufstiegschancen, widrige Arbeitsverhältnisse und soziale sowie religiöse oder gar selbstauferlegte Legitimationszwänge die Geisel der arbeitenden Menschen gewesen, so fielen die Gemüter heute den ebenso unbefriedigenden Aspekten der modernen Arbeitswelt zum Opfer. Diese seien Unsicherheit durch ständigen Wandel und fehlender Resonanz, Oberflächlichkeit in jeglicher Ausprägung, fehlendes Vertrauen zu anderen Individuen und nicht zuletzt resultierend daraus der Selbstwertverlust des Einzelnen. Unter dem Deckmantel steigender Flexibilität verwandelten sich Unternehmensstrukturen von hierarchischen Systemen zu Netzwerken, Arbeitszeiten zu Flex-Zeiten und Stellungen in Betrieben zu temporären Etappen wackeliger Karrieren ohne nennenswerten Bezug zum Konzern. Alter stehe nunmehr für Risikoscheue und Erfahrung bremse Innovationen oder gefährde gar die Autorität Vorgesetzter. Machtpositionen würden von Verantwortung befreit und Verantwortliche seien überhaupt schwer auszumachen. Streben nach Oben sei die Devise ohne festzulegen, wann man angekommen wäre, auf wahrscheinliche Rückschläge würden wir nicht trainiert.Dieses Werk ist eine sehr ernstzunehmende Analyse der heutigen ökonomisch - sozialen Beziehungen und zeigt, dass die Menschheit auf ihrer Odyssee nach einem System umfassend vertretbarer Arbeitsverhältnisse nur wieder auf einer unfruchtbaren Insel gestrandet ist.
Ein neuer Blick in die Hintergründe unseres Lebens - Richard Sennett, obwohl er ein Soziologe ist, geht zum Teil wie ein Volkskundler seine Betrachtung der aktuellen Lebenswelten an. Er vollzieht teilnehmende Beobachtungen und schildert die Ansichten der Menschen mit denen er zum Teil viel Zeit verbracht hat. Die neue Betrachtung der Grenzenlosigkeit der Arbeitswelt, die Verlagerung von Sinn und Halt in die Familie und dem Unvermögen beides mit einander zu kombinieren, lässt einen über sein eigenes Leben nachdenken. Der Wunsch nach einem sinnerfüllten Leben ist nicht mehr durch Arbeit gegeben und lässt sich auch nicht durch die Familie, die ebenfalls zu einem wurzellosen Wesen wird, gewinnen. Untermauert werden die Erkenntnisse durch einen kurzen, jeweils zum Kapitel passenden Durchzug durch die Fachwissenschaft. Zwar benötigt man zum Lesen etwas Hintergrundwissen und Verständnis für die soziologische und volkskundliche Sichtweise des Lebens, aber für jeden, der die Welt, wie sie sich heute verändert und darstellt, etwas besser verstehen will, muss dieses Buch gelesen haben.
Zur Korrision der Charaktere ... - Die Schnell-Lebigkeit des modernen Arbeitslebens ermöglicht immer seltener langjährig konstant bleibende soziale Umgebung und respektiert auch selten den langen Weg persönlichen Erfahrungsaufbaus. Rentabilitätsgesichtspunkte führen vielerorts dazu, dass die Arbeitenden nicht nur wie Söldner, sondern mehr noch wie Vieh behandelt werden. Darüber kann man traurig, ja bockig werden - so wie meistenteils Sennett in der Klage-Pose: Euer eisern geglaubter Charakter wird von Rost angefressen (englischer Titel: The Corrosion of Character: The Personal Consequences of Work in the New Capitalism). Das Vieh möchte immer im selben Stall bei der vertrauten Nachbarkuh bleiben - oder um den Söldner-Vergleich weiterzuspinnen: Mit Stadtgraben, Burg und dickem Eisenschloß an der Tür schien die idealste Lebenskonzeption einige Jahrhunderte lang gefunden zu sein. Das nomadische Prinzip des Unterwegs-Seins war negativ besetzt. Die deutsche Titel-Übertragung Der flexible Mensch scheint fast dem Wechsel etwas positiver gegenüber stehen zu wollen. Ein amerikanischer Rezensent dieses Buches titelte einst: Corroded and proud of it! - stolz darauf, beschädigt zu sein vom kalten Manchester-Kapitalismus? Vielleicht ist es ja tatsächlich andererseits eine Chance, Arbeitsgruppen verlassen zu dürfen, die man zum Kotzen gefunden hat, vielleicht ist eine Kündigung auch der befreiende Weg in eine andere Arbeitssituation, wo mehr Respekt zu verankern ist vor dem, was ein Mensch im Laufe seines Lebens an Erfahrung gesammelt hat. Die Kriegsführung heutiger Tage baut auch nicht mehr auf Wassergraben und Einbunkerung. Bewegung ist Trumpf und die verblüffendste Umstellungsfähigkeit dominiert. Das nomadische Prinzip ist vielleicht doch akzeptabler als die Apostel einer verrutschenden Statik uns jammernd glauben machen wollen?
Erst wenige Jahre alt, und schon ein Klassiker - Karriere bedeutete ursprünglich: Straße für Kutschen, und Job galt im Englischen des 14. Jahrhunderts als Klumpen oder Stückgut, das man herumschieben konnte. Beide Wörter entfalten vor dem Hintergrund der heutigen Ökonomie eine Bedeutung, die fast zynisch ist: Wir leben für die Karriere, können dabei aber beliebig hin und her geschoben werden, wie es den Auftrag- oder Arbeitgebern gerade passt. Das Zauberwort, dass diesen eigentlich menschenunwürdigen Zustand treffend charakterisiert und gleichzeitig beschönigt, ist: Flexibilität. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett zeigt in seinem langen, aber keinesfalls langweiligen Essay, wie die Doktrin der Flexibilität das menschliche Zusammenleben und die menschliche Lebensplanung immer weiter zersetzt. Diese Zersetzung nennt er Drift: Wir treiben durch unser Arbeitsleben wie Tagelöhner, heute hier, morgen da, und wissen nicht, was die Zukunft bringt. Auf Lösungen kommt es Sennett nicht so sehr an: Er ist nur Beobachter, aber ein eindringlicher, brillanter und auch unterhaltsamer. An einigen Stellen geht der Soziologe mit ihm durch, aber ansonsten ist das Buch wunderbar leicht und flüssig zu lesen. Wir empfehlen es jedem, der sich für die sozialen Auswirkungen des heutigen Kapitalismus interessiert.
Analyse gegenwärtiger Veränderungen ....... - in der Arbeitswelt zeigt Sennett in seinem kurzen, sehr gut lesbaren Essay auf. Flexiblilät ist gefordert. darf aber nicht eine Basis entziehen, so seine Meinung. Er kritisiert, dass Forderungen Grenzen überschreiten, institutionelle Strukturen demontiert werden, die bisher für Sicherheit und Berechenbarkeit standen. Ein neuer Drift entsteht, der eine langfristige Ordnung umfunktioniert zu einer Herrschaft der kurzen Zeit. Verzicht auf Erfahrung und Lebensalter ist in Folge zwingend, Bedarf nach passendem Wissen just in time dieflexible Alternative. In dieser kurzen Zeit gibt es zwar Ziele, die aber nicht mehr Bindungspotential durch Identifikation und Loyalität ermöglichen. Daher ist gefordert, Alternativen bereitzustellen, die sich in Netzwerkstrukturen auftun, die weniger schwerfällig auf Veränderung reagieren, sind doch hier nur Austauschpotentiale einer Struktur vorhanden, die nicht die Gesamtstory eines Zusammenhanges in Frage stellen, weil dieser Zusammenhang a priori entfällt. Damit gewinnt die Stärke schwachen Bindungen am Bedeutung. Diese vermeintliche Stärke ist nun gleichsam ein Entzug fester Charaktereigenschaften, die den Menschen ebenso zwingt, die Gesellschaft als Fragement und Ansammlung von Möglichkeiten (Optionen) zu begreifen. Diese sozialpsychlogisch neue Weichenstellung erzwingt allerdings eine neue Gemeinschaftssehnsucht (Werteordnung), die insgesamt den Menschen animiert, ausserhalb der Arbeitswelt nach neuen Bindungen und neuer Tiefe zu suchen, weil die Option des nur reinen gebraucht-werden-können nicht ausreicht und ein Leben im Passiv suggeriert. In Konsequenz bleibt eine Botschaft, die da heisst: Uneingeschränkte Forderung nach Flexibilität reisst den Menschen in Stücke. Ergänzend kann man Th. Eriksen: Die Tyrannei des Augenblicks empfehlen.